C-IST im öffentlichen Personennahverkehr in Wien
(Georg Brenner, Gemeinderat für NEOS Tulln und Projektleiter für Innovationsprojekte bei den Wiener Linien)
Wien zählt zu den europäischen Städten, die den Einsatz kooperativer intelligenter Verkehrssysteme (C-ITS) gezielt zur Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs und des städtischen Verkehrsmanagements erproben. Im Mittelpunkt stehen dabei Anwendungen zur Priorisierung des öffentlichen Verkehrs, zur Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur sowie zur Verbesserung der Verkehrssicherheit. Die Erfahrungen aus Wien zeigen sowohl die technologischen Potenziale als auch die praktischen Herausforderungen bei der Einführung interoperabler C-ITS-Systeme in einem komplexen urbanen Umfeld.
Die österreichische Hauptstadt verfügt mit rund 2,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und etwa 620.000 Pendlerinnen und Pendler pro Tag über ein stark belastetes Verkehrssystem. Der öffentliche Verkehr spielt dabei eine zentrale Rolle: Jährlich werden rund 900 Millionen Fahrgäste befördert. Für die Verkehrssteuerung stehen etwa 1.300 Ampelanlagen zur Verfügung, von denen ein großer Teil bereits für den öffentlichen Verkehr genutzt wird. Rund 640 Kreuzungen besitzen Vorrangschaltungen für Busse und Straßenbahnen. Vor diesem Hintergrund bietet Wien ein geeignetes Umfeld für die Einführung kooperativer Verkehrssysteme.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der Verkehrsbetreiber Wiener Linien. Das Unternehmen betreibt mehrere U-Bahn-, Straßenbahn- und Buslinien und befördert jährlich rund 900 Millionen Fahrgäste. Die bestehende Infrastruktur bildet die Grundlage für die schrittweise Integration von C-ITS-Anwendungen in den öffentlichen Verkehr.
Der aktuelle Ausbaustand konzentriert sich vor allem auf sogenannte Roadside Units (RSUs), die an signalisierten Kreuzungen installiert werden. In Wien wurden bereits etwa 180 dieser Kommunikationseinheiten aufgebaut. Sie ermöglichen den Datenaustausch zwischen Fahrzeugen und Verkehrsinfrastruktur. Die eingesetzten Systeme stammen von unterschiedlichen Herstellern wie Yunex, Swarco, Kapsch oder GPV, wodurch Interoperabilität zu einer zentralen technischen Herausforderung wird. Die Integration verschiedener Systeme und Kommunikationsstandards gilt als einer der aufwendigsten Aspekte der Implementierung.
Zusätzlich wurden erste Fahrzeuge mit sogenannten On-Board Units (OBUs) ausgestattet. Zum Zeitpunkt der Projektbeschreibung verfügten sechs Straßenbahnen und zwei Busse über entsprechende Systeme. Teilweise kamen Visualisierungstablets zum Einsatz, die Informationen aus den C-ITS-Systemen direkt im Fahrzeug darstellen. Dabei wurde insbesondere die Anzeige von SPAT/MAP-Daten getestet, also Informationen über aktuelle und zukünftige Signalphasen von Ampelanlagen. Die Rückmeldungen der Fahrerinnen und Fahrer zeigen jedoch, dass zusätzliche Visualisierungen im Fahrbetrieb nicht immer als hilfreich wahrgenommen werden. Vielmehr wurde die direkte Integration der Informationen in bestehende Bordsysteme als sinnvoller nächster Entwicklungsschritt betrachtet.
Ein zentraler Schwerpunkt der Wiener Projekte liegt auf der Priorisierung des öffentlichen Verkehrs an Kreuzungen. Verwendet wird dabei insbesondere das SREM/SSEM-Protokoll zur Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur. Die Tests zeigen, dass eine herstellerübergreifende Umsetzung grundsätzlich möglich ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Komplexität steigt, sobald unterschiedliche Fahrzeugtypen, Ampelsysteme und Kommunikationskomponenten kombiniert werden. Während Busse teilweise bereits vollständig interoperabel ausgestattet werden konnten, befanden sich vergleichbare Anwendungen für Straßenbahnen noch in einer frühen Phase.
Neben der ÖPNV-Priorisierung werden in Wien weitere Anwendungsfälle getestet. Dazu gehören Warnungen vor Einsatzfahrzeugen, Informationen über Straßen- und Wetterbedingungen, Hinweise auf Gefahrenstellen oder die Erkennung gefährdeter Verkehrsteilnehmenden. Auch Anwendungen zur Erfassung von Fahrzeugdaten und zur dynamischen Geschwindigkeitsanpassung werden erprobt. Ergänzend laufen weitere Projekte zur Verkehrsmanagementoptimierung, IT-Sicherheit sowie zum Schutz vulnerabler Verkehrsteilnehmender.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich C-ITS in Wien zunehmend als dauerhafte Technologie etabliert. Gleichzeitig wird die praktische Umsetzung als anspruchsvoll beschrieben. Zwar gelten die Hardwarekosten als vergleichsweise moderat, jedoch entsteht ein hoher Aufwand durch Fehlersuche, Systemintegration und Kompatibilitätsprobleme zwischen verschiedenen Anbietenden. Zusätzlich erschwert die Vielzahl technischer Komponenten eine objektive Bewertung der Systemleistung im Vergleich zu älteren Priorisierungsmethoden.
Auffällig ist zudem, dass bestimmte Anwendungen nicht immer den Erwartungen entsprechen. So wurde etwa die GLOSA-Funktion von Fahrerinnen und Fahrern deutlich weniger positiv aufgenommen als ursprünglich angenommen. Auch zusätzliche visuelle Anzeigen im Fahrzeug erwiesen sich im praktischen Betrieb nur eingeschränkt als hilfreich. Daraus ergibt sich die Erkenntnis, dass technische Innovationen im Verkehrsbereich nicht allein von ihrer Funktionalität abhängen, sondern wesentlich von ihrer Integration in bestehende Arbeitsabläufe und von der Akzeptanz der Nutzenden beeinflusst werden.
Insgesamt verdeutlichen die Wiener Erfahrungen, dass kooperative Verkehrssysteme ein hohes Potenzial für den öffentlichen Verkehr besitzen, ihre erfolgreiche Einführung jedoch eine enge Abstimmung zwischen Infrastrukturbetreibern, Verkehrsunternehmen und Technologieanbietern erfordert. Besonders die Standardisierung und Interoperabilität der Systeme werden dabei zu entscheidenden Voraussetzungen für einen langfristig stabilen Betrieb.
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