Automatisierte Mobilität als gemeinsames Umsetzungsthema
Bereits zur Eröffnung betonte Univ.-Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein, wissenschaftlicher Leiter von innocam.NRW, Leiter des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen und Präsident des VDI, dass automatisierte und vernetzte Mobilität kein isoliertes Technologiefeld sei, sondern ein gemeinsames Umsetzungsthema – für Kommunen, Verkehrsbetriebe, Unternehmen und Forschungseinrichtungen gemeinsam. Städte und Kommunen haben dabei eine zentrale Rolle bei der Implementierung neuer Systeme. Gleichzeitig brauche es den Mut, neue Wege zu erproben und Entwicklungen trotz offener Fragestellungen weiter voranzutreiben.
Dr.-Ing. Thomas Wollinger, Geschäftsführer der Bochum Wirtschaftsentwicklung, rückte die Notwendigkeit sowie die Chance gebietsübergreifender Netzwerke und Zusammenarbeit in den Mittelpunkt seiner Begrüßungsworte. Er nehme in NRW und im mittleren Ruhrgebiet insbesondere mit der industriellen Erfahrung, der wissenschaftlichen Exzellenz, aber auch mit den modernen Lösungen, vernetzten Systeme und der Motivation, über Stadtgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten gute Voraussetzungen wahr.
Jörg Filter, Vorstand Personal, Betrieb und Infrastruktur der BOGESTRA, verwies auf die Bedeutung eines attraktiven öffentlichen Verkehrsangebots für den angestrebten Modal Shift: Umsteigen müsse „aus Überzeugung“ erfolgen und dazu können intelligente Verkehrssysteme einen großen Beitrag leisten: Dichtere Takte, direkte Vernetzung und besserer Informationsfluss können die Qualität im ÖPNV deutlich verbessern.
Das Ruhrgebiet als Anwendungsraum für autonome Mobilität
Oliver Sagner von der Bochum Wirtschaftsentwicklung und Carsten Daldrup von der BOGESTRA stellten die Idee eines „Anwendungsraums beziehungsweise Innovationskorridors für autonome Mobilität im Ruhrgebiet“ vor. Ziel sei ein Musterprojekt, dessen Erkenntnisse perspektivisch auf andere Regionen übertragbar werden.
Der vorgestellte Ansatz verbindet verschiedene Handlungsfelder: vom On-Demand-Verkehr, autonomen Bus und digitaler Bahn über Technologie-Enabler und Cybersicherheit bis hin zu Datennetzen, Citylogistik, Werksverkehren sowie Fragen gesellschaftlicher Akzeptanz und sozialer Raumsicherheit.
Gleichzeitig zeigte der Beitrag sehr deutlich, welche Bedeutung Netzwerke und gebietsübergreifende Zusammenarbeit für die Umsetzung haben. Im Ruhrgebiet existiere bereits eine gute Vernetzung unterschiedlicher Mobilitätsakteure. Akteure wie VRR und RVR übernehmen koordinierende Rollen. Entscheidend sei zunächst Offenheit für Austausch und Zusammenarbeit. Netzwerkarbeit wurde dabei ausdrücklich als Prozess beschrieben: Beteiligte müssten auf Augenhöhe beginnen, Kompetenzen einbringen und lösungsorientiert zusammenarbeiten.
Als Herausforderung wurde benannt, dass Entscheidungsprozesse in größeren Kooperationen häufig länger dauern und Kommunen über laufende Verfahren nicht zu früh öffentlich kommunizieren möchten. Gleichzeitig könne es nur gemeinsam gehen. Interoperable Systeme, ein großer Anwenderpool und gemeinsame Standards sind zentrale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Skalierung automatisierter Mobilitätsangebote.
Daten als Grundlage für Planung und Steuerung
Wie zentral Daten für kommunale Mobilitätsplanung geworden sind, zeigte der Beitrag von Marlene Damerau von der Stadt Gelsenkirchen. Das strategische Ziel der Stadt Gelsenkirchen sei es, Planungen, Mobilitätsgestaltung, Stadtentwicklung und Infrastrukturentscheidungen auf Basis von belastbaren Daten durchführen zu können. Datenbasierte Planung und Steuerung sollen helfen, Bedarfe besser zu erkennen und effizienter reagieren zu können. Das betrifft zum Beispiel auch die Entscheidung über die mögliche Umsetzung von On-Demand-Angeboten.
Dafür brauche es jedoch langfristig entwickelte und etablierte Datenstrategien für urbane Daten sowie begleitenden Kompetenzaufbau innerhalb der Verwaltungen. Datenbasiertes Arbeiten stelle bestehende Informationssilos infrage und mache Konflikte sichtbar, für die neue Prozesse entwickelt werden müssen. Gleichzeitig machte der Vortrag von Marlene Damerau deutlich, dass Kommunen nicht in einzelnen Themenbereichsgrenzen denken. Smart-City-Ansätze bündeln unterschiedliche Daten und Anwendungen auf gemeinsamen Plattformen.
Um diese breitflächige Umsetzung realisieren zu können, setzt die Stadt Gelsenkirchen auf interkommunale Kooperationen. Genannt wurde unter anderem eine interkommunale Datenplattform sowie das Projekt Urban.KI, bei dem Kommunen gemeinsam KI-Use-Cases entwickelt haben, beispielsweise für die Mobilitätsplanung & -steuerung. Öffentlich einsehbare Use-Cases und Umsetzungslösungen über Plattformen wie GitHub oder OpenCoDE sollen dazu beitragen, Wissen und bereits entwickelte Lösungen besser zugänglich zu machen.
Verkehrsmanagement über Plattformen und gemeinsame Datenräume
Wie Daten bereits heute in der Verkehrssteuerung eingesetzt werden, erläuterte Dr. Lohoff, Leiter der Landesverkehrszentrale Nordrhein-Westfalen.
Vorgestellt wurde unter anderem die Baustellenplattform für Städte und Kommunen. Über ein einheitliches System können Baustelleninformationen eingetragen, standardisiert aufbereitet und an Plattformen wie Verkehr.NRW, Mobidrom.NRW, die Mobilithek oder Open.NRW weitergegeben werden.
Der Beitrag machte deutlich, dass vielfältige Daten die Grundlage für erfolgreiches Verkehrsmanagement sind. Dazu gehören baulast- und verkehrsträgerübergreifende Baustellendaten, Echtzeit-Verkehrsinformationen, historische Verkehrslagen oder Wegeketteninformationen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die derzeit im Aufbau befindliche LSA-Zentrale mit der Digitalisierung von 5.500 Lichtsignalanlagen sowie zur Schaltung von Verkehrsmanagementstrategien. Mittelfristiges Ziel ist der Aufbau einer einheitlichen, herstellerunabhängigen IVS-Zentrale mit einer für NRW. So kann eine landesweite Steuerung und Datenhaltung erfolgen, die Kommunen künftig stärker unterstützt und schnellere situationsabhängige Anpassungen ermöglicht.
Abschließend verwies Dr. Lohoff, darauf, dass die Landesverkehrszentrale auch Überwachungsaufgaben für das Land Niedersachsen mitübernimmt. Wenngleich die Aufgaben des Kontrollraumes der LVZ gänzlich andere als die einer technischen Aufsicht für den Betrieb autonomer Fahrzeuge sind, warf das Beispiel die Frage auf, ob gebietsübergreifende Zusammenarbeit nicht auch dafür ein erfolgsversprechender Lösungsansatz wäre.
Mobilitätsdaten als gemeinschaftliche Infrastruktur
Dr. Jochen Harding, Geschäftsführer der MOBIDROM GmbH, stellte die Landesagentur für Mobilitätsdaten und ihre Angebote vor. Im Mittelpunkt steht die 2025 live geschaltete Datenplattform als offizielles Landessystem und zentrale Anlaufstelle für Mobilitätsdaten in Nordrhein-Westfalen. Ziel ist die einfache Bereitstellung, Bündelung, Transformation und diskriminierungsfreie Weitergabe von Mobilitätsdaten.
Die MOBIDROM GmbH hat den Anspruch, das Teilen und Nutzen von Daten für Kommunen so einfach wie möglich zu gestalten. Das umfasst standardisierte Schnittstellen, eindeutige Lizenzbestimmungen und offene Datenstrukturen, damit Akteure in Kommunen entlastet und die Weiterverwertbarkeit von Informationen optimiert werden kann.
Mit Informationen, die den Verkehrsträgern herstellerunabhängig zur Verfügung gestellt werden, könnten unter anderem Effizienz und Sicherheit im Verkehr erhöht sowie Konflikte im öffentlichen Raum besser gelöst werden – beispielsweise durch definierte Zonen für bestimmte Fahrzeugtypen oder Nutzungen. Aktuell bereitet MOBIDROM zusammen mit etwa zehn nordrhein-westfälischen Verkehrsbehörden ein System vor, mit dem zukünftig straßenverkehrsbehördliche Anordnungen digitalisiert und über ein Datenpool öffentlich bereitgestellt werden könne.
Fahrzeugdaten und vernetzte Systeme
Das Teilen und Nutzen von Mobilitätsdaten im vernetzten Fahrzeug stand auch im Mittelpunkt von Tobit Reitstetters Vortrag, der Einblicke in die aktuellen mobilen Onlinedienste von Volkswagen Infotainment gab. Schon heute umfassen entsprechende Systeme zahlreiche Sicherheits- und Komfortfunktionen – von Verkehrszeichenerkennung und automatischer Distanzregelung bis hin zu Sprachbedienung, Remote-Funktionen oder der Car-finder-Anwendung.
Im Mittelpunkt des Beitrags stand jedoch vor allem die Konnektivität zwischen Fahrzeug, Plattform und digitalen Informationen. Statt vieler einzelner smarter Komponenten gehe die Entwicklung zunehmend in Richtung zentraler Rechnerarchitekturen. Fahrzeugdaten werden gesammelt und orchestriert und schließlich werden die Schwarmdaten DSGVO-konform ausgewertet.
Besonders relevant für die Veranstaltung war die Frage, wie diese Daten künftig gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen können. Als Möglichkeiten wurden unter anderem Sicherheits- und Straßenzustandsdaten oder herstellerübergreifende V2X-Kommunikation genannt. Dann könnten sich Fahrzeuge beispielsweise bei schlechten Wetterbedingungen zur Erkennung von Ampelbildern austauschen und dadurch automatisierte Fahrfunktionen unterstützen.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass bislang viele Fahrzeughersteller primär ihre eigenen Daten interpretieren. In der anschließenden Diskussion wurde angeregt, über Initiativen wie ECAVA entsprechende Möglichkeiten zu schaffen, Daten gemeinschaftlich in KI-Modellen zu nutzen, ohne sie direkt weitergeben zu müssen. Auch hier zeigte sich erneut die Bedeutung gemeinsamer Standards und interoperabler Systeme.
Interoperabilität als Schlüssel für kooperative Systeme
Auch der Beitrag von Jan Schappacher von der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen zeigte, wie wichtig standardisierte und interoperable Systeme für automatisierte und vernetzte Mobilität sind. Vorgestellt wurden harmonisierte C-ITS-Dienste und verschiedene Anwendungsfälle – darunter Baustellenwarnungen, Stauwarnungen, Hinweise auf Einsatzfahrzeuge oder Anwendungen zur ÖPNV-Beschleunigung wie Green Light Optimized Speed Advisory (GLOSA) und Traffic Signal Priority (TSP).
Besonders relevant war die Diskussion über Interoperabilität im städtischen und regionalen Kontext. Unterschiedliche ÖV-Leitsysteme erschweren bislang vielerorts die Integration. Deshalb wurde die Bedeutung „überregionaler“ Priorisierung sowie der Verzicht auf Sonderlösungen betont.
Die Frage, ob die Übertragung von Live-Tracking-Daten im ÖPNV auch über C-ITS Systeme handhabbar wäre, zeigt andererseits, dass man durch aufwändigere Lösungen möglicherweise noch ungenutzte Potenziale erreichen könnte. Tatsächlich besteht seit diesem Jahr eine Schnittstelle, die ITCS- und C-ITS-Systeme verbinden kann und einen kontinuierlichen Austausch von Echtzeitdaten zwischen Fahrzeugen und C-ITS-fähiger Infrastruktur ermöglicht.
Ridepooling zwischen technischer Reife und Skalierungsfragen
Hans Scherer von MOIA stellte basierend auf den Erfahrungen des Unternehmens in Hamburg mögliche Beiträge autonomer Mobilität im Ruhrgebiet vor, die den öffentlichen Verkehr in der Region erheblich verändern könnten. Ziel von MOIA sei ein On-Demand-Ridepooling-Angebot für Verbindungen, die nicht in klassische Linien- und Taktstrukturen passen. Die technologische Reife sei inzwischen erreicht, gleichzeitig liege großes Potenzial in Effizienz und gesellschaftlichem Nutzen.
Entscheidend ist dabei die Frage, welche Fahrten tatsächlich ersetzt werden und wie sich entsprechende Angebote wirtschaftlich skalieren lassen. Ridepooling benötige große Märkte und große Flotten. Gerade deshalb könne das Ruhrgebiet ein geeignetes Einsatzgebiet sein.
Aktuelle schlage sich das Interessen vieler Kommunen und Verkehrsbetriebe noch in kleineren Projektvolumina nieder – ein Dilemma, da der Preis für die Lizenz für MOIA Autonomous Mobility zumindest so lange von den Entwicklungskosten getragen wird, bis Skaleneffekte eintreten.
Befragt nach der Abdeckung von ländlichen Regionen in NRW, wo die Bedarfe zur Abdeckung der ersten und letzten Meile tendenziell größer sind, führte Hans Scherer die längeren Wartezeiten ins Treffen. In der Preisgestaltung könnte man hingegen Randbezirke bzw. ländliche Regionen begünstigen, wenn man den Preis für Endkunden an die ÖPNV-Abdeckung koppele.
Austauschformate und Qualifizierung als Grundlage kommunaler Umsetzung
Zum Abschluss machte der Vortrag von Jan Garde vom Zukunftsnetz Mobilität NRW deutlich, wie wichtig Informationsarbeit, Austausch und Qualifizierung für Kommunen sind.
Das Zukunftsnetz Mobilität NRW unterstützt Kommunen als Ansprechpartner, Berater und Kooperationspartner insbesondere im Bereich intermodaler Mobilität. Gleichzeitig begleiten Austauschformate, Stadtexperimente und Qualifizierungsangebote Kommunen bei Akzeptanzfragen und strategischer Mobilitätsplanung.
Eine aktuelle Umfrage des Netzwerks zeigt, dass Kommunen derzeit vor allem Unterstützungsbedarf bei Infrastrukturthemen melden, weniger bei Digitalisierungsthemen. Dennoch brauche es einen strategischen Blick auf kommunale Mobilitätsziele, damit automatisierte und vernetzte Mobilität frühzeitig in kommunalen Planungen verankert wird.
Gerade an diesem Punkt setzen die Austausch-, Informations- und Weiterbildungsangebote von innocam.NRW an und leisten einen wichtigen Beitrag, um Potenziale sichtbar zu machen und notwendige Umsetzungsschritte greifbarer werden zu lassen.