Am 22. Juli 2026 fand der mPACT-PulseTalk 28 – Teil der mFUND-Begleitforschung – online statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Thema „Last Mile Mobility im Güterverkehr“ und die Frage, wie datenbasierte Technologien sowie automatisierte Prozesse die Logistik auf der letzten Meile effizienter und zukunftsfähiger gestalten können. Referierende aus zwei Forschungsprojekten gaben Impulse: Das Projekt IBATOUR stellte Ansätze für automatisierte Transport- und Umschlagprozesse vor, während das Projekt DAWN-LM innovative Lösungen für automatisierte Rangierprozesse und eine vernetzte Gütermobilität präsentierte.
Last Mile Mobility im Güterverkehr - mPACT-PulseTalk
| Dr. Nadine Teusler, innocam.NRW
IBATOUR – Intelligentes Betriebsgelände für Autonomie in Transport, Organisation und Umschlag via Routenzüge
(Dr. Sönke Beckmann, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg)
Ausgangslage und Projektziel
Auf großflächigen Betriebsgeländen werden Güter und zum Teil auch Personen häufig mit Lkw, Schleppfahrzeugen oder Routenzügen transportiert. Die heutigen Abläufe sind jedoch vielfach mit hohen Suchzeiten, einer erhöhten Fehleranfälligkeit und einer geringen Auslastung einzelner Transporte verbunden. Daraus entstehen unwirtschaftliche Fahrten und ein unnötiger Verbrauch von Ressourcen. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel die betrieblichen Herausforderungen.
Das Projekt IBATOUR setzt an diesen Problemen an. Ziel ist die Entwicklung und prototypische Umsetzung eines automatisierten und vollständig integrierten Routenzugs für den Transport und Umschlag von Gütern und Personen auf einem Betriebsgelände. Dabei soll nicht nur das Fahrzeug automatisiert werden. Vielmehr werden die betrieblichen Prozesse, die technische Infrastruktur, die Fahrzeugsteuerung und die digitalen Schnittstellen zu einem Gesamtsystem verbunden.
Anwendungsfälle auf dem Betriebsgelände
Als Erprobungsumgebung dient das Betriebsgelände der AGCO Hohenmölsen GmbH. Dort werden mehrere konkrete Transportprozesse betrachtet. Im Bereich des Materialtransports gehören dazu der Transport von Leergut vom Versand zu verschiedenen Technologiebereichen, der Transport von Vorrichtungen zur Reparatur im Werkzeugbau, die Beförderung von Fertigteilen von der Lackierung zur Montage sowie der Transport von Mülltonnen auf dem gesamten Werksgelände.
Darüber hinaus untersucht das Projekt auch Anwendungsfälle für die Personenbeförderung. Vorgesehen sind beispielsweise Fahrten beim Schichtwechsel zwischen der Montage und einem Parkplatz sowie Transporte in der Mittagspause von der Komponentenfertigung über die Lackierung bis zur Kantine. Damit verfolgt IBATOUR einen vergleichsweise breiten Ansatz, der innerbetriebliche Güter- und Personentransporte in einem gemeinsamen System zusammenführt.
Vernetzung von Fahrzeug, Infrastruktur und Logistik
Die Transportaufträge werden aus dem betrieblichen System von AGCO bereitgestellt. Auf dieser Grundlage werden die bestehenden Abläufe analysiert und geeignete Soll-Prozesse entwickelt. Die Hochschule Anhalt übernimmt dabei die Prozessanalyse und -gestaltung.
Der Routenzug selbst besteht aus einer automatisierten Zugmaschine sowie Anhängern und Behältern. Die Zugmaschine und das zugehörige Fahrzeugsteuerungssystem werden von Innok entwickelt. Wegard verantwortet die Anhänger und Behälter, während FIAtec die technische Verknüpfung zwischen den einzelnen Routenzugkomponenten bearbeitet.
Ergänzend wird eine intelligente Infrastruktur aufgebaut, die das Fahrzeug bei der Orientierung und Kommunikation auf dem Betriebsgelände unterstützt. Das ifak entwickelt hierfür die erforderlichen Infrastrukturkomponenten. Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg arbeitet zudem an einer Leitstelle zur Fernüberwachung des Routenzugs. Die digitalen Schnittstellen zwischen den betrieblichen Systemen, dem Fahrzeugsteuerungssystem, der Leitstelle und dem Fahrzeug werden durch Dögel entwickelt. Dadurch soll ein durchgängig vernetztes Gesamtsystem entstehen, in dem Transportaufträge digital übermittelt, automatisiert ausgeführt und zentral überwacht werden können.
Aktueller Projektstand
Zum Zeitpunkt der Veranstaltung war die Analyse der betrachteten Prozesse abgeschlossen. Die Soll-Prozesse waren ausgearbeitet, und die praktische Umsetzung wurde vorbereitet. Für die intelligente Infrastruktur wurden On-Board-Units, Roadside-Units und Ultra-Wideband-Technik als zentrale Komponenten festgelegt. Die Beschaffung der entsprechenden Technik war eingeleitet.
Für die Zugmaschine wurde ein Fahrzeug des Typs Linde P250 beschafft, das sich im Umbau befand. Auch die Anhänger und das erforderliche Sensor-Kit befanden sich in der Beschaffung beziehungsweise im Aufbau. Parallel wurde eine Softwareanwendung zunächst mit simulierten Daten entwickelt. Außerdem war die Erstellung eines virtuellen Abbilds des Routenzugs vorgesehen.
Im Hinblick auf Sicherheit und Zulassung wurden bereits Gespräche mit der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik sowie mit dem TÜV geführt.
Technische und organisatorische Herausforderungen
Eine wesentliche Herausforderung besteht in der Automatisierung der Handlingprozesse. Dazu gehören insbesondere das sichere Aufnehmen und Absetzen von Transportgütern sowie das automatisierte An- und Abkoppeln der Anhänger. Zugleich muss eine stabile Verbindung zwischen Zugmaschine und Anhängern hergestellt werden.
Auch die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Infrastruktur muss auf dem gesamten Betriebsgelände zuverlässig funktionieren. Hinzu kommt die Integration des Systems in die bestehenden Unternehmensprozesse und IT-Strukturen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Anbindung an das ERP-System (Enterprise Resource Planning).
Weitere Anforderungen ergeben sich aus der geplanten Personenbeförderung. Hierfür müssen besondere Sicherheitsanforderungen erfüllt und die Voraussetzungen für eine mögliche Zulassung geschaffen werden. Das Projekt verbindet damit technische Automatisierungsaufgaben mit betrieblichen, organisatorischen und rechtlichen Fragestellungen.
Ausblick und Verwertung
Im weiteren Projektverlauf soll der automatisierte Routenzug auf dem Betriebsgelände praktisch betrieben werden. Neben der eigentlichen Fahrzeugautomatisierung werden auch die Fernüberwachung und Fernsteuerung des Systems untersucht. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bewertung der Wirtschaftlichkeit und der Entwicklung eines geeigneten Betriebsmodells.
Nach Abschluss des Projekts soll der Routenzug als Produkt für außenliegende Industrieumgebungen etabliert werden können. Zudem ist eine Übertragung auf weitere Standorte der AGCO Corporation und auf andere Unternehmen mit vergleichbaren Anforderungen vorgesehen. Langfristig soll auch geprüft werden, ob sich der Ansatz eines kombinierten Personen- und Gütertransports auf Anwendungen im öffentlichen Raum übertragen lässt.
Projektlaufzeit und Projektpartner
IBATOUR wird im Rahmen der Innovationsinitiative mFUND durch das Bundesministerium für Verkehr gefördert. Die Projektlaufzeit reicht vom 1. November 2024 bis zum 31. Juli 2027.
Das Projekt wird von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg koordiniert. Weitere Projektpartner sind die AGCO Hohenmölsen GmbH, die Dögel GmbH, die Wegard Trail GmbH, die Innok Robotics GmbH, die Hochschule Anhalt, das Institut für Automation und Kommunikation e. V. sowie die FIAtec GmbH.
DAWN-LM – Datenbasierter automatisierter Wagen auf der Letzten Meile
(Stefan Lipinski, RWTH Aachen)
Ausgangslage und Projektziel
Der Einzelwagenverkehr ist ein wichtiger Bestandteil des Schienengüterverkehrs. Er ermöglicht es, einzelne Güterwagen unterschiedlicher Versender und Empfänger zu Zügen zusammenzustellen und über längere Strecken zu transportieren. Besonders auf der ersten und letzten Meile sind die Abläufe jedoch mit einem hohen betrieblichen Aufwand verbunden.
Die im Rahmen der Veranstaltung dargestellte Kostenverteilung zeigt, dass Vor- und Nachlauf sowie die Übergabe der Wagen einen vergleichsweise kleinen Anteil an der insgesamt gefahrenen Strecke ausmachen, zugleich aber einen erheblichen Anteil der Gesamtkosten verursachen. Dies betrifft insbesondere Rangierfahrten, die Bereitstellung von Wagen und die Übergabe zwischen Industrieunternehmen und Eisenbahnverkehrsunternehmen.
Das Projekt DAWN-LM verfolgt daher das Ziel, einen datenbasierten und automatisierten Güterwagen für die letzte Meile zu entwickeln. Dieser soll auf Werk- und Anschlussbahnen selbstständig fahren und rangieren können. Gleichzeitig soll er mit der betrieblichen Logistik vernetzt sein und den Zustand des Fahrzeugs sowie der transportierten Fracht überwachen.
Automatisierter Güterwagen als Systemplattform
Im Zentrum des Projekts steht ein Güterwagen auf Basis eines Y25-Drehgestells. Dieses soll zu einer technischen Plattform für Digitalisierung und Automatisierung weiterentwickelt werden. Der Wagen soll nicht nur transportiert werden, sondern auf geeigneten Abschnitten eigenständig Fahr- und Rangieraufgaben übernehmen können.
Die angestrebte Lösung verbindet drei zentrale Funktionen: automatisiertes Fahren und Rangieren des Wagens, die digitale Vernetzung mit der Betriebslogistik sowie die kontinuierliche Zustandsüberwachung von Fahrzeug und Fracht.
Durch diese Kombination entsteht ein Güterwagen, der sowohl physisch als auch digital in die Logistikprozesse eingebunden ist.
Digitalisierung und Automatisierung
Die technische Umsetzung umfasst zwei eng miteinander verknüpfte Entwicklungsbereiche. Im Bereich der Digitalisierung werden ein digitaler Zwilling, die Anbindung an die Logistik, Kommunikationssysteme, die Fahrzeugsteuerung und die Zustandsüberwachung entwickelt.
Die Automatisierung betrifft insbesondere die Umfelderkennung, die Energieversorgung, die Bremse und den Antrieb. Diese Komponenten sind erforderlich, damit der Güterwagen seine Umgebung erfassen, Bewegungen sicher ausführen und Fahr- beziehungsweise Rangieraufträge selbstständig abarbeiten kann.
Der automatisierte Güterwagen bildet damit die Schnittstelle zwischen digitalen Logistikprozessen und physischer Fahrzeugtechnik. Die einzelnen Funktionen sollen nicht isoliert entwickelt, sondern in einem gemeinsamen Fahrzeugkonzept zusammengeführt werden.
Betriebskonzept auf der letzten Meile
Das vorgestellte Betriebskonzept beschreibt einen weitgehend automatisierten Ablauf innerhalb eines industriellen Gleisanschlusses. Zu Beginn wird durch die betriebliche Logistik ein Fahrauftrag ausgelöst. Der Güterwagen fährt daraufhin automatisch vom Abstellgleis zu einem Ladegleis.
Nach Abschluss der Beladung wird eine entsprechende Rückmeldung an das Logistiksystem übermittelt. Anschließend fährt der Wagen selbstständig zum Zugbildungsgleis. Nachdem die Zugbildung abgeschlossen ist, wird auch dieser Status digital gemeldet. Danach erfolgt die Übergabe des Wagens an ein Eisenbahnverkehrsunternehmen.
Die automatische Fahrt ist insbesondere auf den Betriebs- und Anschlussgleisen vorgesehen. Der Hauptlauf im öffentlichen Eisenbahnnetz erfolgt weiterhin nach den bestehenden Regelungen der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung. Für die Anschlussbahn ist eine automatische Fahrt nach den jeweils geltenden Regelungen für nichtbundeseigene Anschlussbahnen vorgesehen, soweit die betrieblichen und rechtlichen Voraussetzungen dies zulassen.
Auf der Empfängerseite kann ein vergleichbarer Ablauf im Nachlauf stattfinden. Nach der Übergabe wird der Wagen innerhalb des dortigen Gleisanschlusses automatisch zum vorgesehenen Lade- oder Entladegleis bewegt.
Zielgruppen und Nutzen
Die Ergebnisse des Projekts richten sich vor allem an Industrieunternehmen mit Werks- oder Anschlussbahnen, an Eisenbahnverkehrsunternehmen und an Wagenhalter.
Für Industrieunternehmen besteht der erwartete Nutzen insbesondere in einem geringeren Personalaufwand, einer stärkeren Vernetzung der Logistik und verbesserten Wartungsprozessen. Eisenbahnverkehrsunternehmen sollen vor allem durch einen geringeren Personalbedarf bei den Rangier- und Übergabeprozessen sowie durch optimierte Wartungsabläufe profitieren.
Für Wagenhalter steht insbesondere die Zustandsüberwachung im Vordergrund. Durch die kontinuierliche Erfassung und Übermittlung von Fahrzeugdaten können Wartungsbedarfe frühzeitiger erkannt und Instandhaltungsmaßnahmen besser geplant werden.
Beitrag zur Weiterentwicklung des Einzelwagenverkehrs
Mit der Automatisierung der letzten Meile adressiert DAWN-LM einen besonders personal- und kostenintensiven Abschnitt des Schienengüterverkehrs. Der Ansatz soll dazu beitragen, die Abläufe auf Werk- und Anschlussbahnen effizienter zu gestalten und den Einzelwagenverkehr stärker mit den digitalen Systemen der Industrieunternehmen zu verknüpfen.
Die Kombination aus automatisiertem Fahren, digitaler Logistikanbindung und Zustandsüberwachung eröffnet zugleich neue Möglichkeiten für die Instandhaltung. Fahrzeug- und Frachtdaten können kontinuierlich bereitgestellt und in die betrieblichen Entscheidungen einbezogen werden.
Das Projekt konzentriert sich damit nicht ausschließlich auf die Automatisierung eines einzelnen Fahrzeugs. Vielmehr soll ein in die gesamte Transportkette eingebundener Güterwagen entstehen, der Transport-, Logistik- und Wartungsprozesse miteinander verbindet.
Projektlaufzeit und Projektpartner
DAWN-LM wird im Rahmen der Förderinitiative mFUND durch das Bundesministerium für Verkehr gefördert. Die Projektlaufzeit reicht von Februar 2025 bis Januar 2028. Das Projekt wird gemeinsam vom Lehrstuhl und Institut für Schienenfahrzeuge der RWTH Aachen University und der RWE Power AG umgesetzt.
Die RWTH Aachen übernimmt dabei die wissenschaftliche und technische Entwicklung des automatisierten Güterwagens. RWE bringt die betriebliche Perspektive sowie die Infrastruktur und die Anwendungsfälle eines Industrieunternehmens mit eigener Schienenlogistik in das Projekt ein. Gemeinsam entwickeln die Partner die Grundlagen für einen datenbasierten und automatisierten Güterwagen auf der letzten Meile.
Wissenswertes zu mPACT
mPACT, das Begleitforschungsprogramm des mFUND, organisiert verschiedene Veranstaltungsformate, um geförderte Projekte zu vernetzen, ihre Ergebnisse sichtbar zu machen und den Austausch in der Mobilitäts- und Datencommunity zu stärken. Dazu gehören der monatliche Kickoff Wednesday, bei dem neue Projekte ihre Ideen vorstellen, die digitale Dialogreihe mPACT-PulseTalk mit Impulsvorträgen zu aktuellen Mobilitätsthemen sowie vertiefende Fachaustausche und Workshops wie der mFUND-Shorttrack. Ergänzt wird das Angebot durch den Podcast mCAST, der zentrale Trends und Forschungserkenntnisse rund um datenbasierte Mobilität beleuchtet.