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Fünf Personen sitzen an einem langen Konferenztisch in einem Besprechungsraum mit weißen Wänden und grauen Wandpaneelen
© Christian Frowein

Automatisierung zur Bewältigung des Fachkräftemangels: Das 8. Arbeitskreistreffen Schiene

| Christian Frowein, innocam.NRW

In der 8. Sitzung am 29. April 2026 des Arbeitskreises Schiene im Rahmen von innocam.NRW am RailCampus OWL in Minden wurden Strategien zur Begegnung des Fachkräftemangels im Schienenverkehr durch Automatisierungslösungen diskutiert. Im Fokus standen insbesondere Ansätze der Automatic Train Operation (ATO) und der Remote Train Operation (RTO). Dabei wurde deutlich, dass automatisierte und fernbediente Betriebsformen das Potenzial besitzen, den Personaleinsatz effizienter zu gestalten, beispielsweise durch die Reduktion von Wegezeiten oder durch den Einsatz von Remote-Operatoren als Notfallmanager:in für mehrere Fahrzeuge. Gleichzeitig wurde hervorgehoben, dass technische Herausforderungen, menschliche Faktoren sowie der hohe Qualifikationsbedarf bei der Entwicklung und Einführung neuer Systeme berücksichtigt werden müssen, um die Potenziale der Automatisierung langfristig erschließen zu können.

Im Rahmen der Veranstaltung gab es die Möglichkeit einer Besichtigung des RailCampus OWL am Standort der DB Systemtechnik GmbH in Minden. Wir danken sehr herzlich für die Gastfreundschaft.

Gruppe von elf Personen steht auf gepflastertem Weg vor Bäumen und Gebäuden bei sonnigem Wetter
© Christian Frowein

Automatisierung als möglicher Baustein gegen den Fachkräftemangel

Die zunehmende Knappheit an qualifiziertem Personal im Schienenverkehr stellt Verkehrsunternehmen und Infrastrukturbetreibende vor wachsende Herausforderungen. Im Mittelpunkt der Diskussion standen daher Strategien, wie Automatisierungslösungen – insbesondere Automatic Train Operation (ATO) und Remote Train Operation (RTO) – dazu beitragen können, dem Fachkräftemangel sowohl im Vollbahn- als auch im Straßenbahnbereich zu begegnen. Dabei wurde deutlich, dass automatisierte und fernbediente Betriebsformen neue organisatorische und technische Möglichkeiten eröffnen, gleichzeitig jedoch auch neue Anforderungen an Technik, Qualifikation und Arbeitsorganisation mit sich bringen.

Technische und betriebliche Herausforderungen

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Rolle von RTO-Systemen. Dabei lassen sich zwei grundlegende Anwendungsfälle unterscheiden. Im ersten Szenario steuert ein Remote-Operator ein einzelnes Fahrzeug kontinuierlich aus der Ferne. Dieser Ansatz eignet sich zunächst insbesondere für Rangier- und Bereitstellungsfahrten. Durch die Fernsteuerung können Wegezeiten von Triebfahrzeugführenden reduziert werden, da Personal nicht mehr physisch zum jeweiligen Fahrzeug gelangen muss. Dies ermöglicht eine effizientere Nutzung vorhandener personeller Ressourcen.

Im zweiten Szenario übernimmt ein Remote-Operator die Rolle eines Notfallmanagers/einer Notfallmanagerin für mehrere weitgehend automatisch fahrende Fahrzeuge. Die Fahrzeuge verkehren dabei im Regelbetrieb vollautomatisiert, während der Remote-Operator nur bei Störungen oder außergewöhnlichen Situationen eingreifen muss. Dieses Modell eröffnet das Potenzial, mehrere Fahrzeuge gleichzeitig zu überwachen und damit den Personaleinsatz deutlich zu skalieren.

Gleichzeitig bestehen derzeit noch technische Limitationen. Wichtig ist etwa die Latenz bei der Bildübertragung, die für die sichere Fernsteuerung entscheidend ist. Verzögerungen können sich insbesondere beim Rangieren, beim Kuppeln oder bei Situationen mit Personen im Gleis sicherheitskritisch auswirken. Auch die zuverlässige Erkennung kleinerer Objekte im Gleis auf einem Bildschirm stellt teils eine Herausforderung dar. Vergessene Hemmschuhe oder ähnliche Hindernisse können im ungünstigen Fall zu Entgleisungen führen. Als möglicher Lösungsansatz wurde der Einsatz von Augmented-Reality-Technologien diskutiert, mit denen erkannte Objekte in den Videobildern hervorgehoben werden können, um die Wahrnehmung der Remote-Operator zu unterstützen.

Neben technischen Aspekten wurden auch menschliche Faktoren betrachtet. Untersuchungen von Forschenden des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigen, dass Teleoperation zu einer höheren subjektiven mentalen Beanspruchung führen kann als das Fahren direkt aus dem Führerstand heraus. Gleichzeitig wurde beobachtet, dass Remote-Operatoren tendenziell vorsichtiger fahren. Beim Einsatz von Remote-Operatoren als Notfallmanager:innen entsteht darüber hinaus ein besonderes Arbeitsumfeld: Da Störungen selten auftreten, besteht über lange Zeiträume eine Phase geringer mentaler Auslastung. Tritt jedoch eine Störung auf, ist sofortiges und entschlossenes Eingreifen erforderlich. Dieses abrupte Wechselspiel zwischen Unterforderung und hoher Belastung stellt besondere Anforderungen an die Gestaltung der Arbeitsplätze und der Betriebsprozesse. 

Mehrteiliger weißer Hochgeschwindigkeitszug auf Gleisen vor blauem Himmel und Gebäuden
© Christian Frowein

Ausblick

Die Diskussion machte deutlich, dass Automatisierungslösungen grundsätzlich ein erhebliches Potenzial besitzen, den Fachkräftemangel im Schienenverkehr abzumildern. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass die Einführung solcher Systeme zunächst selbst einen hohen Bedarf an qualifiziertem Personal erzeugt. Neue Technologien müssen entwickelt, verstanden, getestet, zugelassen und in bestehende Betriebsabläufe integriert werden. In gewisser Weise entsteht damit kurzfristig ein zusätzlicher Fachkräftebedarf, um langfristig eine Entlastung zu erreichen.

Als möglicher Ansatz für den Migrationsprozess wurde vorgeschlagen, neue Systeme frühzeitig im sogenannten Schattenbetrieb einzusetzen. Dabei laufen automatisierte Systeme parallel zum bestehenden Betrieb mit, ohne zunächst aktiv am Betrieb teilzuhaben. Auf diese Weise können Erfahrungen gesammelt, Systemverhalten analysiert und Vertrauen in die Technologie aufgebaut werden. Mittelfristig kann dieser schrittweise Ansatz dazu beitragen, Automatisierungslösungen sicher und akzeptiert in den regulären Betrieb zu überführen und damit einen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels im Schienenverkehr zu leisten.

Der Arbeitskreis Schiene wird sich weiter mit diesem Themenkomplex befassen. 

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Portrait zeigt Christian Frowein, lächelnd mit Brille in einem hellen Hemd und dunklem Jacket vor dunklem Hintergrund.

Christian Frowein

Wissenschaftliche Mitarbeit und Arbeitskreis Schiene +49 241 80 25575