Die AISS 2026 (Autonomous Inland & Short Sea Shipping Conference) in Düsseldorf zeigte, wie Automatisierung, Remote Operation und digitale Infrastrukturen zusammenwachsen. Im Mittelpunkt standen praxiserprobte Assistenzsysteme, robuste Navigation, sichere Mensch-Maschine-Interaktion und der Weg zu belastbaren Standards für autonome Schifffahrt auf europäischen Wasserstraßen.
Von Assistenzsystemen zur skalierbaren Automatisierung
| Christopher Schulte, innocam.NRW
Ausgangslage: Warum Automatisierung jetzt Fahrt aufnimmt
Die Binnenschifffahrt steht unter Druck und zugleich unter Beobachtung. Mehr Verkehr soll von der Straße aufs Wasser verlagert werden, während Fachkräfte knapper werden und Effizienz sowie Emissionen stärker zählen. Auf der AISS wurde deutlich, dass Automatisierung nicht als Sprung zur Vollautonomie verstanden wird, sondern als schrittweise Entwicklung entlang konkreter Nutzenfälle, von präziser Bahnführung über bessere Kommunikation bis hin zu Remote Operation.
XPONENTIAL Europe: Autonomie als europäische Plattform
Als Teil der XPONENTIAL Europe war die AISS eingebettet in ein Umfeld, in dem autonome Systeme in Luft, Land und Wasser gemeinsam gedacht werden. Die Messe verband Technologie, Anwendung und politische Rahmensetzung und machte sichtbar, wie schnell sich Lösungen aus Sensorik, KI-Software und Robotik in Richtung realer Einsätze bewegen. Gerade dieser Brückenschlag zwischen Demonstration und Diskussion verlieh dem Event eine hohe Dynamik.
Skalierung in der Praxis: 1.000 Schiffe und fünf Erkenntnisse zur Automatisierung
Wie nah Theorie und Praxis bereits beieinanderliegen, zeigte der Beitrag von Tresco auf der AISS zur Ausrüstung von rund 1.000 Schiffen mit Track-Guidance-Lösungen. Im Kern ging es um die Einordnung heutiger Systeme als Assistenz auf einem klaren Reifegrad, verbunden mit sehr greifbaren Effekten. Besonders im Fokus standen Effizienz und ROI, etwa durch ruhigere Rudergänge und messbare Kraftstoffeinsparungen, die Automatisierung als wirtschaftlichen Hebel attraktiv machen.
Navigation, Karten und robuste Sensorik: Wenn LiDAR nicht allein reicht
Mehrere Beiträge machten klar, dass präzise Lokalisierung auf Binnenwasserstraßen anspruchsvoll bleibt, etwa durch Brückenpassagen, eingeschränkte Satellitensicht in urbanen Bereichen oder an Schleusen sowie durch reflektierte Satellitensignale, die beim Empfänger über Umwege ankommen und dadurch die Positionsbestimmung verfälschen können. DLR und Partner zeigten, wie verteilte mm-Wave Radare als robuste Alternative oder Ergänzung zu LiDAR genutzt werden können, um 3D Karten und den Simultaneous Localization and Mapping (SLAM) Algorithmus auch bei Regen, Nebel oder Schnee zuverlässiger zu machen. Ergänzend wurde diskutiert, wie Optimierungsmethoden wie Factor Graph Ansätze die Verfügbarkeit und Integrität von PPP basierten Positionierungslösungen stabilisieren können.
Kommunikation als Engpass: Autonomer UKW-Funk für gemischten Verkehr
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Kommunikation in der Binnenfahrt, die heute stark über Sprachfunk läuft und damit eine harte Grenze für unbemannte oder stark automatisierte Betriebsformen darstellt. Der Ansatz eines autonomen Ultrakurzwellen-Systems zielte darauf, Funksprüche zu erfassen, automatisch zu transkribieren, Intentionen zu erkennen und regelkonforme Antworten zu generieren. Der Nutzen liegt auf der Hand: Schleusenanmeldungen, Verkehrsabsprachen und sicherheitskritische Verhandlungen könnten transparenter dokumentiert und perspektivisch teilautomatisiert werden, ohne den menschlichen Verkehrsteilnehmer auszublenden.
Remote Operation, Sicherheit und Human Factors: Der Mensch bleibt zentral
Die AISS unterstrich, dass Automatisierung den Menschen nicht entfernt, sondern Rollen verschiebt. Beiträge zur Risikoanalyse von Mensch Maschine Interaktionen in Remote Operation Centern zeigten, wie stark Sicherheit von Feedbackqualität, Trainingsstand und Arbeitslast abhängt und wie Modelle aus STPA und probabilistischen Netzen helfen können, kritische Interaktionen systematisch zu priorisieren. Parallel dazu wurde mit empirischer Human-Factors-Forschung in Simulatorumgebungen beleuchtet, wie Aufmerksamkeit, Stress und Instrumentennutzung in anspruchsvollen Fahrsituationen messbar werden, etwa bei Schleuseneinfahrten oder Begegnungen in engen Kanälen.
Dependability und Betriebsrobustheit: Von Near Miss bis Schleuse
Dass Remote Operation nur dann skaliert, wenn Systeme Ausfälle, Spoofing Risiken und kognitive Überlastung sauber adressieren, wurde auch im Kontext von Dependability-Arbeiten deutlich. Im Mittelpunkt standen robuste Objekterkennung gegen feindliche Störungen, strukturierte Gefährdungsanalysen und datenbasierte Near-Miss-Erkennung. Besonders kritisch wurde die Passage von Schleusen hervorgehoben, weil hier Lagegenauigkeit und Situationsbewusstsein auf engem Raum zusammenkommen und kleine Fehler schnell große Folgen haben.
Effizienz im Betrieb: Daten, Kraftstoff und Entscheidungshilfe
Neben Autonomie als Sicherheits- und Personalkonzept war Effizienz ein durchgehendes Thema. Das EcoBin- Vorhaben zeigte, wie Live-Daten aus Flottenbetrieb aufbereitet werden, um Verbrauchsmuster zu erkennen und Fahrhinweise abzuleiten, ohne in die Bordtechnik einzugreifen. Ergänzend wurde mit What-If-Simulationen für Vessel Traffic Services beschrieben, wie Verkehrslenkung künftig schneller bewerten kann, welche Auswirkungen Empfehlungen zu Geschwindigkeit oder Kurs auf Staus, Sicherheit und Energieverbrauch haben.
Rahmenbedingungen: Standards, Definitionen und Schutz von Innovation
Technik allein genügt nicht. Die CCNR-Perspektive machte deutlich, wie wichtig gemeinsame Definitionen von Automatisierungsgraden, ein angemessener Rechtsrahmen und ein lernorientierter Umgang über Erprobungen und Ausnahmen sind, um Erfahrungen auf dem Rhein in tragfähige europäische Standards zu überführen. Zugleich wurde daran erinnert, dass Innovation in diesem Feld auch strategisch geschützt werden muss, etwa über Patente, Gebrauchsmuster und europäische Schutzstrategien, damit Forschungsergebnisse in marktfähige Lösungen übergehen können.
Relevanz für NRW
Die Binnenwasserstraßen sind für Nordrhein‑Westfalen weit mehr als ein Transportweg, sie sind ein strategischer Standortfaktor. Gerade in der Rhein‑Ruhr‑Region, wo Industrie, Logistik und Forschung eng verzahnt sind, bildet die Wasserstraße ein Rückgrat für Wertschöpfung, Versorgungssicherheit und nachhaltige Mobilität.
Die auf der AISS vorgestellten Ansätze zeigen, dass NRW mit seiner dichten Infrastruktur aus Rhein, Kanälen, Häfen und Innovationszentren ideale Voraussetzungen besitzt, um eine führende Rolle in der automatisierten und vernetzten Binnenschifffahrt einzunehmen. Die Region vereint genau jene Akteure, die für den nächsten Entwicklungsschritt notwendig sind: Reedereien, Hafenbetreiber, Technologieanbieter, Wissenschaft und Verwaltung.
Für NRW ist die automatisierte und vernetzte Binnenschifffahrt kein Zukunftsthema, sondern ein Standortvorteil, der jetzt aktiv gestaltet wird.
Die AISS 2026 zeigt: Die Grundlagen sind gelegt, die Akteure sind bereit, und die Region besitzt die Infrastruktur, um die Wasserstraße zu einem zentralen Baustein klimafreundlicher, resilienter Logistik zu entwickeln.
Mit der Perspektive nachhaltige Rheinschifffahrt 2030 | umwelt.nrw.de hat NRW gemeinsam mit weiteren Akteuren ein entsprechendes Positionspapier veröffentlicht.
Mit technologischen und regulatorischen Fragestellungen, wie auch einer Vielzahl an weiteren Themen, beschäftigt sich auch der innocam.NRW Arbeitskreis Wasser im Detail. Wenn Sie an einem Mitwirken am Arbeitskreis Wasser interessiert sind, wenden Sie sich gerne per E-Mail an info@innocam.NRW
Tim Rehbronn
Wissenschaftliche Mitarbeit und Arbeitskreis Wasser tim.rehbronn(at)innocam.nrw +49 241 80 28488