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Stilisierte, in weiß und grau gehaltene Darstellung von mehreren Autos an einer Kreuzung mit Fußgängerüberwegen, umgeben von Bäumen und mehreren Fußgängern, dargestellt mit farbigen Sensorwellen.
KI-basiertes Risikomanagement mittels V2X-Kommunikation. © Projekt SIMON / EDI GmbH

Innovationen für die Mobilität der Zukunft beim FUND-Jahresforum

| Dr. Nadine Teusler, innocam.NRW

Das mPACT-Team lud am 17.12.2025 zur Onlineveranstaltung „mFUND-Jahresforum – Innovationen für die Mobilität der Zukunft“ ein. Ziel der Veranstaltung war es, Akteurinnen und Akteuren aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung zusammenzubringen, um ausgewählte Themen und Ergebnisse laufender und abgeschlossener mFUND-Projekte in Breakout-Sessions zu präsentieren. 

Zu Beginn wurde ein Überblick über das mFUND-Förderprogramm des Bundesministeriums für Verkehr gegeben. Das Programm unterstützt seit mehreren Jahren datenbasierte Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Mobilitätsbereich und deckt ein breites thematisches Spektrum ab, darunter den Öffentlichen Personennahverkehr, Verkehrsmanagement, vernetzte Mobilität, Robotik, U-Space und die Binnenschifffahrt. Insgesamt wurden mehrere hundert Projekte gefördert, an denen eine große Zahl an Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen, Hochschulen, Behörden und Verbänden beteiligt sind (596 mFUND-Projekte, 1.838 Teilprojekte). Die Projekte sind bundesweit verteilt und tragen zur Stärkung eines interdisziplinären Mobilitäts-Ökosystems bei. Ergänzt wird die Projektförderung durch vielfältige Austausch- und Vernetzungsformate wie Workshops, Fachveranstaltungen und regelmäßige Netzwerk-Events, die den Wissenstransfer zwischen Forschung, Praxis und Politik unterstützen.

Themenfokus: wDRIVE – Der Gender Data Gap

Der anschließende Vortrag widmete sich dem Projekt wDRIVE und dem Thema Gender Data Gap im Mobilitätskontext. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass sich Mobilitätsverhalten von Frauen und Männern systematisch unterscheidet, diese Unterschiede jedoch in vielen Datensätzen, Planungsprozessen und technischen Systemen nur unzureichend abgebildet sind. Während Mobilität häufig auf lineare Pendelwege und automobile Nutzung fokussiert ist, weisen insbesondere Frauen u.a. komplexere Wegeketten und häufigere Zwischenstopps auf. Diese Unterschiede bleiben in datenbasierten Modellen häufig unsichtbar, was zu einer strukturellen Verzerrung von Verkehrsplanung und Mobilitätsangeboten führt.

Solche Datenlücken betreffen sowohl die Datenerhebung als auch die spätere Auswertung und können dazu führen, dass geschlechtsspezifische Bedürfnisse, Risiken und Nutzungsmuster übersehen werden. Insbesondere im Mobilitätsbereich kann dies konkrete negative Folgen haben, etwa bei der Gestaltung von Infrastrukturen, Fahrzeugen oder digitalen Mobilitätsdiensten, die nicht auf die tatsächliche Vielfalt der Nutzenden abgestimmt sind.

Als Reaktion darauf verfolgt wDRIVE das Ziel, den Gender Data Gap sichtbar zu machen und Handlungsempfehlungen für einen bewussteren, inklusiveren Umgang mit Mobilitätsdaten zu entwickeln. Die Mission des Projekts umfasst die Vernetzung relevanter Akteurinnen, die Sensibilisierung für bestehende Datenlücken, deren systematische Analyse sowie die Ableitung von praxisnahen Empfehlungen. Dabei wird betont, dass interdisziplinäre Teams, differenzierte Stichproben, zielgruppengerechte Methoden sowie eine transparente Dokumentation von Annahmen und Ergebnissen zentrale Voraussetzungen für eine gerechtere und belastbarere Datengrundlage sind.

Eng damit verbunden ist der Gender Employment Gap im Verkehrssektor. Der Frauenanteil in vielen Bereichen des Verkehrs- und Mobilitätssektors ist weiterhin gering, insbesondere in technischen, planerischen und entscheidungsrelevanten Positionen. Diese Unterrepräsentation wirkt sich auch auf die Erhebung, Interpretation und Nutzung von Mobilitätsdaten aus, da Perspektiven und Erfahrungswerte bestimmter Bevölkerungsgruppen systematisch fehlen oder nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Insgesamt wurde verdeutlicht, dass datenbasierte Mobilitätsforschung nur dann zu nachhaltigen und sicheren Lösungen führen kann, wenn gesellschaftliche Vielfalt systematisch berücksichtigt wird. Der bewusste Umgang mit dem Gender Data Gap wurde als wesentlicher Baustein für eine zukunftsfähige, inklusive Mobilitätsgestaltung herausgestellt.

Unterstützend dazu wurde ein Leitfaden für inklusives Forschen erstellt. 

Themenfokus: Vision Zero – was kann Verkehrspsychologie beitragen?

Der Vortrag stellte das menschliche Verhalten als zentralen Faktor der Verkehrssicherheit in den Mittelpunkt und ordnete es in den Kontext zunehmender Fahrzeugautomatisierung ein. Ausgehend vom Leitbild Vision Zero wurde betont, dass Verkehrssicherheit nicht allein als technisches Problem verstanden werden kann, sondern als Ergebnis eines komplexen sozio-technischen Systems, in dem Mensch, Fahrzeug und Umwelt kontinuierlich miteinander interagieren. Insbesondere Wahrnehmung, Entscheidungsfindung, Interaktion und typische menschliche Fehlhandlungen wurden als entscheidende Einflussgrößen für sicherheitskritische Verkehrssituationen hervorgehoben.

Ein zentrales Thema war der sogenannte „Mythos Automatisierung“. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass Automatisierung per se zu mehr Sicherheit führe, wurde aufgezeigt, dass automatisierte Systeme die Rolle des Menschen grundlegend verändern. Statt aktiv handelnder Akteurinnen und Akteure werden Menschen zunehmend zu Überwachenden oder „Troubleshootern“. Diese Rollenverschiebung kann zu Entspannung, reduzierter Aufmerksamkeit und einer geringeren Fähigkeit zur situationsangemessenen Intervention führen. Automatisierung ersetzt den Menschen somit nicht, sondern erfordert neue Formen der Interaktion und Verantwortungszuschreibung.

Darauf aufbauend wurden verkehrspsychologische Risiken der Automatisierung diskutiert. Dazu zählen insbesondere Effekte wie Out-of-the-Loop-Probleme (beschreibt den Zustand, in dem Menschen durch Automatisierung nicht mehr aktiv in Überwachung und Entscheidungsprozesse eingebunden sind und dadurch bei einer notwendigen Übernahme die Situationsübersicht, Reaktionsfähigkeit und Handlungssicherheit verlieren), reduzierte Situationswahrnehmung, Überraschungseffekte bei Systemgrenzen, Übervertrauen (Complacency) sowie schleichender Kompetenzverlust. Diese Effekte gelten als gut bekannt, vorhersehbar und prinzipiell gestaltbar, stellen jedoch eine erhebliche Herausforderung für die sichere Mensch-Maschine-Kooperation dar, insbesondere bei Übergabesituationen zwischen automatisiertem System und menschlicher Kontrolle.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Betrachtung von Verkehr als soziales Koordinationssystem. Verkehrsteilnehmende verständigen sich kontinuierlich über soziale und informelle Signale wie Blickkontakt, Gesten oder Fahrverhalten. Automatisierte Fahrzeuge unterbrechen diese etablierten Kommunikationsroutinen, was zu Unsicherheit und Missverständnissen führen kann. Fehlende Verständlichkeit des Fahrzeugverhaltens wurde als zentrales Sicherheitsrisiko identifiziert. Als Lösungsansatz wurden explizite Kommunikationsformen, etwa über Lichtsignale oder Symbole, diskutiert, die die implizite soziale Interaktion ergänzen oder ersetzen können.

Vor diesem Hintergrund wurde die Bedeutung von Kommunikation und nutzerzentrierter Entwicklung betont. Sicherheit entsteht demnach nicht allein durch fehlerfreie Sensorik oder Algorithmen, sondern durch verstehbares, erwartungskonformes Verhalten technischer Systeme. Multimodale Signale können das Verständnis und Vertrauen erhöhen, sofern sie klar, intuitiv und konsistent gestaltet sind. Die Verkehrspsychologie liefert hierfür grundlegende Designprinzipien, die in nutzerzentrierten Entwicklungsprozessen systematisch berücksichtigt werden müssen. Systeme sollten konsequent aus der Perspektive derjenigen gestaltet werden, die sie nutzen oder mit ihnen interagieren. 

Projekt: Sichere Mobilität und Navigation durch vorausschauendes Risikomanagement mittels Schwarm-Intelligenz und V2X-Kommunikation (SIMON)

Das Forschungsprojekt SIMON zielt darauf ab, die Sicherheit, Effizienz und Akzeptanz multimodaler Mobilität im Kontext zunehmender Vernetzung und Automatisierung zu verbessern.

Das Projekt läuft von Juli 2024 bis Juni 2027 und ist ein vom Bundesministerium für Verkehr (BMV) im Rahmen der mFUND-Initiative gefördertes Forschungsvorhaben.

Technologisches Konzept

Ausgangspunkt für das Projekt ist die Erkenntnis, dass in heterogenen Verkehrsumgebungen, in denen automatisierte, konventionelle und aktive Verkehrsteilnehmende wie Radfahrende koexistieren, herkömmliche Sicht- und Interaktionsmechanismen (z. B. Blickkontakt) nicht mehr ausreichen, um sicherheitskritische Situationen zuverlässig zu erkennen oder zu vermeiden. Deshalb entwickelt SIMON einen digitalen Zwilling des Verkehrskontextes, der über eine cloudbasierte Infrastruktur semantische Datenströme in Echtzeit verarbeitet, um dynamische Risikobewertungen zu erzeugen. Diese werden durch Künstliche Intelligenz (KI) analysiert, um vorausschauende, koordinierte Handlungsempfehlungen zu generieren, die sowohl für automatisierte als auch für konventionelle Fahrzeuge sowie vulnerable Verkehrsteilnehmende relevant sind – einschließlich Fahrrad- und E-Bike-Nutzenden. Dazu wird ein semantischer Streaming-Dienst implementiert, der sowohl Bewegungsdaten (z. B. Geschwindigkeit, Beschleunigung) als auch statische und semistatische Infrastrukturinformationen (z. B. Ampeln, Baustellen) in das Verkehrsmodell integriert und damit ein umfassendes Kontextverständnis gewährleistet. Die Kommunikation zwischen Verkehrsteilnehmenden und der Infrastruktur erfolgt über Vehicle-to-Everything (V2X)-Protokolle, wodurch auch direktes Informations- und Warn-Messaging möglich wird. Die so gewonnenen, kontextualisierten Risikoindikatoren und Handlungsempfehlungen werden Nutzenden über eine prototypische App namens „trafficpilot“ präsentiert, die ohne vorab festgelegte Route (beispielsweise durch adaptive Geschwindigkeits- oder Grüne-Welle-Empfehlungen) ein umweltfreundliches und sicheres Verhalten fördern soll.

Ein zentraler Aspekt des Projekts ist die Schwarm-Intelligenz, d. h. die koordinierte Bewertung und Aggregation von Verkehrsdaten aus unterschiedlichen Quellen, die in ihrer Gesamtheit eine robustere Risikoeinschätzung erlauben, als dies isolierte Systeme könnten. In frühen Projektphasen werden sogenannte „paper prototypes“ für Mensch-Maschine-Schnittstellen (HMI) entwickelt und in nutzerzentrierten Evaluationsstudien mit Fokusgruppen getestet. Simulationsumgebungen (u. a. Fahrsimulatoren) und reale Nutzendaten dienen dazu, die entwickelten Methoden kontinuierlich zu verfeinern und an erwartungskonformes Verkehrsverhalten verschiedener Nutzendengruppen anzupassen.

Projektteam

Das Verbundprojekt SIMON wird koordiniert von der EDI GmbH – Engineering Data Intelligence mit Sitz in Pfinztal. Der Koordinator übernimmt die übergreifende Integration der Dateninfrastruktur, Federführung bei der Entwicklung des digitalen Zwillings sowie die Gesamtarchitektur des semantischen Streaming- und Risikomanagementsystems.

Weitere wesentliche Partner sind:

  • GEVAS software GmbH (München) – entwickelt die prototypischen Komponenten der Software- und App-Lösungen, insbesondere die Umsetzung der Nutzer-Interfaces und die Integration von Handlungsempfehlungen in Endnutzerumgebungen.
  • Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – trägt wesentliche Forschung zu V2X-Kommunikationsmethoden sowie zur Umsetzung und Bewertung von Kommunikations- und Risikomanagementalgorithmen bei. Im KIT werden darüber hinaus Simulationen und Evaluierungen der V2X-Prozesse und des digitalen Zwillings durchgeführt. Auch personelle Ressourcen (z. B. Stellen für wissenschaftliche Mitarbeitende zur Entwicklung der Kommunikationsmodule) werden bereitgestellt.
  • Universität Stuttgart, Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) – fokussiert auf nutzerzentrierte Forschung, die Gestaltung und Evaluation der Mensch-Maschine-Interaktion sowie empirische Studien zu erwartungskonformem Verhalten in sicherheitskritischen Verkehrssituationen.

Rahmeninformationen zum mFUND

Der mFUND des Bundesministeriums für Verkehr fördert Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu digitalen, datenbasierten Mobilitätsanwendungen. Zusätzlich wird die Vernetzung durch Veranstaltungen und Zugang zu den Mobilitäts-Datenportalen Mobilithek und Mobility Data Space unterstützt. Die Begleitforschung mPACT analysiert und dokumentiert Ergebnisse und liefert Impulse für Wissenschaft, Fachwelt und Politik. Seit Dezember 2023 betreut ein Konsortium aus iit (VDI/VDE-IT) und TÜV Rheinland die Forschungsbegleitung. Weitere Informationen gibt es bei daten.plus

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Porträt von Dr. Nadine Teusler, Netzwerkmanagerin, mit Brille und schwarzem Blazer, freundlich lächelnd vor verschwommenem Hintergrund.

Dr. Nadine Teusler

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