Im Rahmen des PRISMA.expertTalks „Digitalisierung in Zeiten knapper Ressourcen“ diskutierten am 06.03.2026 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis über aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze für die digitale Transformation kommunaler Strukturen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Fragen, wie Kommunen trotz begrenzter personeller und finanzieller Ressourcen digitale Innovationen umsetzen können und welche Rolle datenbasierte Mobilitätslösungen dabei spielen.
Kommunale Digitalisierung zwischen Ressourcenknappheit und steigenden Anforderungen
Zu Beginn der Veranstaltung wurde der aktuelle Digitalisierungsstand in Kommunen sowie die strukturellen Rahmenbedingungen kommunaler Verwaltungen beleuchtet. Städte und Gemeinden stehen zunehmend unter Druck, neue digitale Dienstleistungen bereitzustellen. Gleichzeitig unterscheiden sich die Ausgangsbedingungen deutlich – insbesondere zwischen kleinen Kommunen, mittelgroßen Städten und Großstädten. Diese Unterschiede prägen auch die Möglichkeiten und Strategien der Digitalisierung. Während größere Städte häufig über spezialisierte Fachabteilungen verfügen, müssen kleinere Kommunen oft mit deutlich weniger Personal und finanziellen Spielräumen arbeiten.
Mehrere zentrale Herausforderungen werden im Kontext der Digitalisierung von Kommunen deutlich:
- begrenzte personelle Kapazitäten in Verwaltung und IT
- hohe Abhängigkeit von Förderprogrammen
- komplexe Beschaffungs- und Umsetzungsprozesse
- fragmentierte Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung
- fehlende langfristige Finanzierungs- und Governance-Strukturen
Gerade in kleineren Kommunen müssen häufig mehrere Aufgabenbereiche parallel bewältigt werden, wodurch strategische Digitalisierungsprojekte nur begrenzt vorangetrieben werden können. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen etwa im Bereich Mobilität, Datenmanagement oder digitaler Verwaltungsdienstleistungen.
Vor diesem Hintergrund wurde deutlich, dass Digitalisierung nicht ausschließlich als technische Implementierung verstanden werden kann. Vielmehr handelt es sich um einen umfassenden Transformationsprozess, der organisatorische Veränderungen, neue Governance-Strukturen und eine stärkere interkommunale Zusammenarbeit erfordert.
Daten als Grundlage digitaler Mobilitätslösungen – NRW.Mobidrom
Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf der Rolle von Daten im Kontext moderner Mobilitäts- und Verkehrsmanagementsysteme. Digitale Mobilitätslösungen basieren zunehmend auf der systematischen Erfassung, Integration und Analyse großer Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen.
In der Praxis besteht jedoch häufig das Problem, dass Daten zwar vorhanden sind, jedoch in unterschiedlichen Systemen vorliegen, uneinheitliche Formate besitzen oder nur eingeschränkt zugänglich sind. Zu den typischen Datenquellen zählen beispielsweise:
- Verkehrslageinformationen
- Baustellen- und Sperrungsdaten
- Parkrauminformationen
- ÖPNV-Fahrplandaten
- Sensordaten aus Verkehrs- und Umweltmessnetzen
- Floating-Car-Data aus Fahrzeugflotten
Zur Förderung intelligenter, digitalisierter und vernetzter Mobilität und damit die Menschen in Nordrhein-Westfalen flexibel, zuverlässig und vor allem auch umwelt-freundlich an ihr Ziel kommen, hat das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr die Landesagentur für Mobilitätsdaten, NRW.Mobidrom, gegründet.
Das Leistungsangebot der Landesgesellschaft richtet sich schwerpunktmäßig an Kommunen, Sharing-Dienste und Akteure aus dem Bereich des ÖPNV. Technisches Herzstück ist die Mobidrom Datenplattform: Sie macht Mobilitätsdaten aller Verkehrsträger aus NRW an einer Stelle zugänglich, sichert die Datenqualität, transformiert ggf. die Daten in andere Formate und stellt sie anschließend diskriminierungsfrei zur Weiternutzung an Dritte zur Verfügung. Durch die leicht und umfassend verfügbaren Mobilitätsdaten wird die Grundlage für datenbasierte nachhaltige und klimafreundliche Mobilitätsformen geschaffen.
Die weiteren Produkte und Dienstleistungen von MOBIDROM unterstützen unterschiedliche Aspekte der digitalen Mobilität:
- Verkehr.NRW → Verkehrsportal und Reiseinformation
- SEVAS → Datenplattform für Lkw-Routing und Schwerverkehr
- Routing Services → technische Schnittstelle für intermodale Routenplanung
- Zonenmanager → Steuerung von Shared-Mobility-Zonen
Verkehr.NRW
Verkehr.NRW ist ein zentrales Verkehrsportal für Nordrhein-Westfalen. Es stellt Nutzerinnen und Nutzern umfassende Mobilitätsinformationen für verschiedene Verkehrsmittel bereit.
Über das Portal können beispielsweise folgende Informationen abgerufen werden:
- Fahrpläne und Echtzeitdaten von Bus und Bahn
- aktuelle Verkehrslage im Straßenverkehr
- Baustellen, Sperrungen und Warnhinweise
- Standorte von Parkplätzen und E-Ladesäulen
- Radrouten und deren Höhenprofile
Damit ermöglicht Verkehr.NRW eine multimodale Reiseplanung, bei der verschiedene Verkehrsmittel kombiniert werden können. Außerdem können Kommunen und Organisationen das Portal in ihre eigenen Websites oder Apps integrieren.
SEVAS
SEVAS steht für „Software zur Eingabe, Verwaltung und Ausspielung von Vorrangrouten und Restriktionen im Schwerlastverkehr“.
Das System dient der Digitalisierung von Lkw-relevanten Verkehrsdaten. Kommunen können darin Informationen erfassen wie:
- Gewicht-, Höhen- oder Breitenbeschränkungen
- Durchfahrtsverbote für Lkw
- Vorrangrouten für den Schwerlastverkehr
- relevante Verkehrszeichen
Diese Daten werden anschließend zentral bereitgestellt und können von Navigationsdiensten oder Logistikunternehmen genutzt werden. Dadurch lassen sich Fehlleitungen vermeiden, Infrastruktur schützen und der Schwerverkehr effizienter steuern. In Nordrhein-Westfalen nutzen bereits über 300 Kommunen das System.
MOBIDROM Routing Services
Die MOBIDROM Routing Services bieten eine technische Schnittstelle (API), mit der Unternehmen oder Behörden Routenberechnungen in ihre eigenen Anwendungen integrieren können.
Die Services ermöglichen eine verkehrsmittelübergreifende Routenplanung, bei der beispielsweise öffentlicher Verkehr, Auto, Fahrrad oder Sharing-Angebote kombiniert werden können. Dadurch können Entwickler eigene Mobilitäts-Apps oder Auskunftssysteme erstellen, die auf aktuellen Mobilitätsdaten basieren.
MOBIDROM Zonenmanager
Der MOBIDROM Zonenmanager ist eine webbasierte Anwendung zur Steuerung von Shared-Mobility-Angeboten wie E-Scootern oder Leihfahrrädern.
Kommunen und Anbieter können damit gemeinsam Folgendes festlegen:
- Betriebsgebiete für Sharing-Fahrzeuge
- Parkgebots- oder Parkverbotszonen
- Fahrverbotszonen
- maximale Anzahl an Fahrzeugen in bestimmten Bereichen
Die Zonen werden über eine Kartenoberfläche erstellt und anschließend in einem maschinenlesbaren Format bereitgestellt. Dadurch können Sharing-Anbieter die Vorgaben direkt in ihre Systeme integrieren und der Einsatz der Fahrzeuge im öffentlichen Raum besser gesteuert werden.
Gemeinsam nutzen diese Anwendungen die MOBIDROM-Datenplattform, um Mobilitätsdaten zentral zu bündeln und innovative Mobilitätslösungen in Nordrhein-Westfalen zu ermöglichen.
KI-gestütztes Mobilitätsmanagement am Beispiel AIAMO
Das Forschungsprojekt AIAMO – Artificial Intelligence and Mobility entwickelt innovative Ansätze für ein daten- und KI-basiertes Mobilitätsmanagement.
Das Projekt wird unter der Konsortialführung von ITS Germany e.V. durchgeführt und vereint Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Forschung. Ziel ist die Entwicklung eines integrierten Systems für Umwelt- und Mobilitätsmanagement, das mithilfe künstlicher Intelligenz Verkehrsflüsse effizienter, sicherer und ressourcenschonender gestaltet.
Das Projekt startete im Juli 2023 und läuft bis Juni 2026. Insgesamt arbeiten rund 14 Partnerorganisationen an der Entwicklung neuer digitaler Lösungen für das Mobilitätsmanagement der Zukunft. Das Projekt wird gefördert durch das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung.
Herausforderungen
Ausgangspunkt des Projekts ist die Beobachtung, dass Mobilitätsanforderungen in Städten und Regionen stetig wachsen, während gleichzeitig Klimaschutzanforderungen und Umweltziele stärker in den Fokus rücken. Gleichzeitig fehlen vielerorts integrierte Systeme, die verschiedene Mobilitätsangebote miteinander verknüpfen und datenbasiert steuern können.
Besonders kleinere Städte und Kommunen haben häufig keinen Zugang zu komplexen digitalen Mobilitätslösungen oder den notwendigen Dateninfrastrukturen. Ziel von AIAMO ist es daher, niedrigschwellige technologische Lösungen zu entwickeln, die auch für kleinere Städte und mittelständische Unternehmen zugänglich sind.
Technologische Schwerpunkte
Im Zentrum des Projekts steht die Entwicklung einer digitalen Integrationsplattform für Mobilitäts- und Umweltdaten. Diese Plattform vernetzt unterschiedliche Datenquellen und stellt sie für Analyse- und Steuerungsprozesse bereit.
Zu den zentralen technologischen Bausteinen gehören:
- eine Integrationszone für Mobilitäts- und Umweltdaten
- KI-gestützte Analyse von Verkehrs- und Umweltdaten
- digitale Zwillinge für Verkehr und Umwelt
- KI-basierte Verkehrssteuerung im öffentlichen und individuellen Verkehr
- umweltsensitive Verkehrsleitung zur Reduzierung von Emissionen
Ein wichtiger Bestandteil ist der sogenannte digitale Zwilling von Verkehr und Umwelt. Dabei werden reale Verkehrsdaten, Sensordaten und Umweltdaten miteinander verknüpft, um ein dynamisches Abbild der Verkehrssituation zu erzeugen. Auf dieser Grundlage können Simulationen durchgeführt und Maßnahmen zur Verkehrssteuerung getestet werden.
Darüber hinaus werden KI-Modelle entwickelt, die Verkehrsprognosen erstellen und Verkehrsströme dynamisch steuern können. Ziel ist es, Verkehrsflüsse effizienter zu gestalten, Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig die Mobilität der Bevölkerung zu verbessern.
Pilotregionen und Anwendung
Ein weiterer Bestandteil des Projekts ist die praktische Erprobung der entwickelten Technologien in realen Städten und Regionen. In sogenannten „Living Labs“ werden neue Steuerungs- und Analyseinstrumente im realen Verkehrsgeschehen getestet.
Dabei werden beispielsweise Sensordaten, Verkehrsdaten und Umweltdaten miteinander kombiniert, um neue Formen der Verkehrssteuerung zu entwickeln – etwa adaptive Ampelschaltungen, KI-basierte Verkehrsprognosen oder emissionsorientierte Verkehrslenkung.
Langfristig sollen die im Projekt entwickelten Technologien auf weitere Städte übertragbar sein und damit einen Beitrag zur Skalierbarkeit digitaler Mobilitätslösungen leisten.
Die Aufzeichnung des PRISMA.experTalks sowie die gehaltenen Präsentationen sind ab sofort hier abrufbar.
Dr. Nadine Teusler
Netzwerkmanagement info(at)innocam.nrw +49 30 206 708 93 16