Das Ziel des eUVM-Projekts ist es, die Luftschadstoffbelastung in hoch belasteten Straßen und städtischen Teilräumen Berlins durch ein datenbasiertes Verkehrs- und Umweltmanagement nachhaltig zu reduzieren und damit einen Beitrag zur Mobilitätswende zu leisten. Dabei wird der motorisierte Individualverkehr gezielt durch Maßnahmen gesteuert und zugleich der Umweltverbund (ÖPNV, Rad und Fußverkehr) gefördert. Die Grundlage dafür bildet eine qualitativ hochwertige und integrierte Datenbasis aus Verkehrs- und Umweltinformationen, die erstmals eine systematische Analyse und Lenkung von Verkehr und Umweltwirkungen ermöglicht.
Das Projekt lief vom 15.12.2020 bis zum 31.12.2024 und wurde gefördert im Rahmen der Förderrichtlinie „Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme“ aus dem Sofortprogramm „Saubere Luft“ durch das Bundesministerium für Verkehr (BMV).
Technische Inhalte
Im Zentrum der technischen Umsetzung steht eine systematische Erfassung und Integration heterogener Datenquellen: Zum einen werden verkehrsbezogene Daten gesammelt — über Floating-Car-Data, stationäre Zählsysteme und andere Verkehrsdetektoren — um Verkehrsfluss, Bewegungen, Stauentstehungen, Reisezeiten und Verkehrszyklen mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung abzubilden.
Parallel erfolgt eine umfassende Kartierung des ruhenden Verkehrs: Im Rahmen des Teilprojekts „Parkraumkartierung und Parkdatenanalyse“ wurden alle öffentlichen Straßenparkplätze innerhalb des S‑Bahn‑Rings sowie in angrenzenden Gebieten erstmals digital erfasst. Dafür kamen sogenannte Scan‑Fahrzeuge zum Einsatz, die mit Kameras und Sensortechnik ausgestattet sind und in aufwendigen Kartierungsfahrten Lage, Ausstattung, Parkregelungen, Gebühren, Reservierungen und Nutzungsbedingungen der Parkplätze ermitteln. Diese Daten wurden mit Metainformationen zu Parkzonen verknüpft.
Darüber hinaus gehört zum technischen Ansatz eine signifikante Erweiterung der bestehenden Mobilitätsdateninfrastruktur durch die Digitale Plattform Stadtverkehr Berlin (DPS). Diese Plattform wurde um Umwelt‑ und Verkehrsdaten erweitert, sodass Verkehrsfluss, Parkplatzverfügbarkeit, Luftqualität und weitere Indikatoren integriert abrufbar und analysierbar sind. Die DPS wurde so konzipiert, dass sie sowohl statische als auch hochdynamische Datenströme verarbeiten kann und als zentrale, offene Datenbasis für Verwaltung, Forschung, Wirtschaft und Öffentlichkeit fungiert.
Ein weiterer wesentlicher Innovationspunkt ist die Entwicklung eines KI‑basierten Prognosesystems für Luftschadstoffe. Anhand kombinierter Eingangsdaten aus dem Luftgütemessnetz, Verkehrsdetektoren, Wetterdaten und städtischen Strukturinformationen werden Vorhersagen für Schadstoffe wie Stickstoffdioxid (NO₂), PM₁₀ und PM₂,₅ erstellt — mit Vorlauf von mehreren Tagen. Dieses Prognosemodell erlaubt eine vorausschauende Verkehrs‑ und Umweltsteuerung.
Auf Basis dieser Daten und Prognosen werden adaptive Verkehrsmanagementmaßnahmen entwickelt: Dazu zählen verkehrslenkende Maßnahmen wie zeitlich und räumlich variierende Ampelschaltungen, Verkehrssteuerung, Verkehrsflusslenkung, sowie die Möglichkeit zur Einführung eines „umweltsensitiven Routings“ — also Routenführungen, die nicht nur kürzeste oder schnellste, sondern hinsichtlich Emissionen optimierte Wege berechnen.
Die Kombination aus Verkehrsdatenanalyse, Parkraumanalyse, Luftqualitätsmessung und Prognose, Datenplattform und Echtzeit‑Steuerung eröffnet erstmals die Möglichkeit, Verkehrs‑ und Umweltaspekte ganzheitlich zu verknüpfen und flexibel auf aktuelle Belastungslagen zu reagieren. Damit ist eUVM technisch als integriertes System angelegt, das Quantität (Verkehrs- und Parkraumdaten), Dynamik (Echtzeit‑ und Prognosedaten) und Steuerung (adaptive Maßnahmen) zusammenführt.
Partner
Die Umsetzung des Proof-of-Concepts Navigation 2.0 erfolgt in enger Zusammenarbeit zwischen städtischen Stellen, Technologiepartnern und Verkehrsakteuren. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz Berlin koordiniert das Projekt und stellt die Schnittstelle zur städtischen Verkehrsinfrastruktur bereit. Technische Expertise wird von Kapsch TrafficCom eingebracht, die die Entwicklung der Backend-Systeme und die dynamische Routenführung verantworten. Graphmasters übernimmt die Datenmodellierung und Algorithmen für die Analyse von Verkehrsströmen und Parkraumnutzung. PRISMA Solutions sorgt für die Integration der Sensordaten, die Umsetzung der Datenplattform und die algorithmische Verarbeitung für Echtzeit-Routing. Zusätzlich ist der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) eingebunden, um die Anbindung an ÖPNV-Zeiten sicherzustellen und die Multimodalität in der App abzubilden.
Ausblick und Bedeutung
Mit Abschluss des Projekts eUVM lagen umfangreiche Datensätze vor: detaillierte Karten des öffentlichen Parkraums, Verkehrsfluss‑ und Bewegungsdaten, luftqualitätsbezogene Messwerte und Schadstoffprognosen sowie Nutzungsmuster. Auf dieser Datenbasis lassen sich Verkehr und Umwelt zielgerichtet steuern — etwa durch adaptive Verkehrsführung, umweltsensitives Routing, Kommunikation und Bewusstseinsbildung bei Verkehrsteilnehmenden und gegebenenfalls strukturelle Veränderungen im Verkehrs‑ und Mobilitätsangebot.
Langfristig bietet eUVM ein skalierbares Modell, das als Blaupause für andere Großstädte dienen kann, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen: hohe Verkehrs- und Schadstoffbelastung, Konflikte um Parkraum, Bedarf an Mobilitätswende und nachhaltiger Verkehrslenkung. Durch die Kombination von Verkehrssteuerung, Umweltmonitoring, Datenplattform und Bürgerinformation kann ein nachhaltiges, intelligentes Verkehrsmanagement etabliert werden, das Umwelt- und Gesundheitsziele mit Mobilitätsbedürfnissen verbindet.
Darüber hinaus eröffnet die technische Infrastruktur Potential für Erweiterungen — etwa Einbindung weiterer Datenquellen (z. B. Sensornetze, Verkehrsmitteldaten, IoT), Integration in multimodale Verkehrsleit- und Mobilitätsplattformen oder Kopplung mit Planungsinstrumenten für Stadtentwicklung und Umwelt. Somit kann eUVM nicht nur kurzfristig Emissionen und Verkehrsaufkommen beeinflussen, sondern mittelfristig als strategisches Instrument einer umweltgerechten, datenbasierten Mobilitätssteuerung wirken.